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Das postsowjetische Russland und die Weimarer Republik

Die Invasion Russlands am 24. Februar 2022 in der Ukraine wird bereits jetzt in Medien und Politik als eine Zäsur der Weltordnung angesehen. Häufiger wird dabei in Artikeln Putin mit Hitler und das postsowjetische Russland mit NS-Deutschland verglichen. Um diesen Einschnitt besser zu verstehen, aber auch die tatsächlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Fälle sachlich einzuordnen, erscheint ein Blick auf die Hintergründe der Entwicklungen sinnvoll. In den Fällen des Weimarer Deutschlands und des postsowjetischen Russlands identifiziert der Beitrag von unserem Mitarbeiter Steffen Kailitz und Andreas Umland aus dem Jahr 2019 ein postimperiales Syndrom, das nationalistischen Irredentismus und das Bestreben, zum Status quo ante einer "Großmacht" zurückzukehren, als Hauptgrund dafür hervorhebt, dass die Demokratisierung für ehemalige "Großmächte" vor spezifische Herausforderungen stellt. Ein Rückfall in eine autokratische Herrschaftsform fordert in post-imperialen Demokratien – wie gerade die jüngste Entwicklung unterstreicht – einen extrem hohen Tribut. Er begünstigt internationale politische Konflikte, einschließlich Annexionen und Kriege, mit Nachbarstaaten, die Gebiete beherbergen, auf die Anspruch erhoben wird, wie historisch das Sudetenland durch Deutschland oder die Krim und die Ostukraine durch das post-sowjetische Russland.

Zum Beitrag: Steffen Kailitz und Andreas Umland. 2019. How post-imperial democracies die: A comparison of Weimar Germany and Post-Soviet Russia. In: Communist and Post-Communist Studies 52: 105–115.

Während dieser Beitrag die Parallelen zwischen den Entdemokratisierungsprozessen in der Weimarer Republik und dem post-sowjetischen Russland aufzeigt, arbeitet die Studie von unserem Mitarbeiter Steffen Kailitz und Andreas Umland Unterschiede heraus. Wie in der Weimarer Republik gibt es auch im heutigen Russland faschistische Akteure und einen weit verbreiteten Nationalismus. Doch anders als im Deutschland der Zwischenkriegszeit ist das Parteiensystem im postsowjetischen Russland stark manipuliert und die Zivilgesellschaft unterentwickelt. Dies bedeutet paradoxerweise, dass die Faschisten keine Chance hatten, Wahlen zu nutzen oder die Zivilgesellschaft zu durchdringen, um politische Unterstützung aufzubauen. Die anhaltende Präsenz eines entschieden autoritären, aber nicht faschistischen "nationalen Führers", Wladimir Putin, hielt das Land davon ab, sich zu einer liberalen Demokratie zu entwickeln, machte es aber auch weniger wahrscheinlich, dass das Regime faschistisch wird.

Zum Beitrag: Steffen Kailitz und Andreas Umland. 2017. Why fascists took over the Reichstag but have not captured the Kremlin: a comparison of Weimar Germany and Post-Soviet Russia. In: Nationalities Papers 45: 206–221.

War es falsch, dass in den vergangenen Jahren vielfach die Gemeinsamkeiten zwischen der Weimarer Republik und dem postsowjetischen Russland wie den daraus resultierenden geopolitischen Gefahren ausgeblendet wurden, sollte nun nicht im Kurzschluss eine Gleichsetzung von Putin mit Hitler und des postsowjetischen Russland mit NS-Deutschland erfolgen. Der sorgfältige Blick auf die Ausgangssituation rückt vielmehr die derzeit verdrängte Gefahr in den Blick, dass nach einem Sturz Putins keineswegs zwangsläufig die Entwicklung in Richtung einer liberalen Demokratie aufgestoßen würde, sondern inmitten des Chaos der Ausgang offen ist und sich auch faschistische Kräfte in Russland durchsetzen könnten.

Mai-Unruhen/Euromaidan

© Abb. links: Bundesarchiv, Bild 102-07707 / CC-BY-SA 3.0; Abb. rechts: Amakuha / CC-BY-SA 3.0