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Konferenz
53. Deutscher Historikertag

Referenten: PD. Bettina Hitzer, Prof. Thomas Lindenberger & PD Friederike Dr. Kind-Kovacs
06.10.2021 - 15:15 Uhr
München

Beschreibung der Veranstaltung

Auf dem 53. Deutschen Historikertag referieren Thomas Lindenberger und Friederike Kind-Kovács im Rahmen der von Bettina Hitzer und Benedikt Stuchtey geleiteten Sektion "Kinder in prekären Verhältnissen. Deutungskämpfe um Zugehörigkeit und Identität nach 1945":

Deutungskämpfe um die Zugehörigkeit von Kindern im Spannungsfeld von Familie, religiöser oder ethnischer Gruppe und Nationalität kennzeichnen unsere Gegenwart und besitzen ein enormes Emotionalisierungspotential. Die Anfänge dieser Art von Deutungskämpfen reichen in die Zeit des Ersten Weltkrieges zurück. Seit damals gewannen humanitäre Organisationen und Völkerbund/UN-Institutionen Einfluss auf das Schicksal von Kindern. Bis zum Jahr 1945 setzte sich innerhalb dieser international agierenden Institutionen die Überzeugung durch, dass Kinder zuerst ihren Eltern und dann erst einem Staat, einer Nation oder Gruppe gehören sollten. Wie die Kämpfe um die Zugehörigkeit von Displaced-Persons-Kindern jedoch zeigten, widersprach diese Definition vom „best interest of the child“ den Interessen vieler europäischer Staaten und religiöser Gruppen. Betroffen waren vor allem Kinder in unsicheren Verhältnissen. Das waren 1945 zunächst Kinder von Besatzungssoldaten oder DP-Kinder, dann auch Kinder alleinstehender Mütter sowie Kinder, deren Eltern aus sozialen oder politischen Gründen als ungeeignet angesehen wurden. Diese Kinder wurden oft zur Adoption vermittelt, sowohl im nationalen Rahmen als auch transnational. Denn die Deutungskämpfe bezogen sich nicht nur auf die Frage, ob ein Kind bei den Eltern bleiben, sondern auch darauf, zu wem es gegeben werden sollte. Wie auch immer diese Entscheidung ausfiel, sie hatte gravierende Auswirkungen auf das Leben und das Identitätsverständnis dieser Kinder. Die Frage nach der Bedeutung von Herkunft und biographischer Abwesenheit der Herkunftseltern hat seit den 1970er Jahren in der psychologischen Fachdiskussion ebenso wie in den Selbstverständigungen der erwachsen gewordenen Kinder an Gewicht gewonnen. Was Herkunft für Identität bedeutet, ist damit zu einer weiteren Facette der Deutungskämpfe um Kinder geworden.

Friederike Kind-Kovács (Dresden)

Displaced Childhoods: Children’s Transports in the Face of Europe’s International Wars

The paper focuses on the historical phenomenon of children’s evacuation, which was triggered by international wars and crises. The paper compares different types of evacuation programs for children in the twentieth century and examines how these transports, originally considered temporary, led – at times – to the alienation of children from their birth families and their permanent integration into the foster families and countries. The paper discusses the moral dilemma of this humanitarian endeavor: children’s forced displacement offered measurable relief, while it also highlights the particular vulnerability of children in times of political crisis.

Thomas Lindenberger (Dresden)

„Zwangsadoptionen“ und „gestohlene Kinder“: Ostdeutsche Deutungskämpfe um den Kindesentzug im SED-Staat

Der Vortrag erkundet die Geschichte der gegen den Willen der leiblichen Eltern von Behörden des SED-Staats angeordnete Freigabe zur Adoption. Für „Zwangsadoption“ im strikten Sinn konnte eine vom ZZF Potsdam im Auftrag des Ostbeauftragten der Bundesregierung durchgeführte Vorstudie nur ein gutes Dutzend Fälle nachweisen. Zugleich geht eine als Vertretung betroffener Eltern auftretende „Interessengemeinschaft“ von tausenden „gestohlener“ Kinder aus. Der Vortrag behandelt die gegenwärtige Debatte in den Spannungsfeldern von wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen und Aufarbeitungspolitik, von medialisierter Opfer-Anwaltschaft und individueller Traumabewältigung.

Zum Programm der Sektion

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