Home > veranstaltungen > Veranstaltungsinformationen

Panel auf internationalem Kongress
Fünfter Kongress Polenforschung

Referenten: Sebastian Paul und Matthäus Wehowski
07.03.2020 - 16:30 Uhr bis 07.03.2020 - 18:30 Uhr
Halle

Beschreibung der Veranstaltung

Das Dreiländer-Projekt beteiligt sich mit dem Panel "Plünderungen und physische Gewalt als `Volksgerechtigkeit´ – Gewalt als Ressource zur Legitimation und Repräsentation von Nachkriegsordnungen nach dem Ersten Weltkrieg" am Fünften Kongress Polenforschung, der vom 5. bis 8. März in Halle stattfinden wird. Unsere Mitarbeiter Sebastian Paul wird als Chair sowie Referent und Matthäus Wehowski als Referent präsent sein und zum Aspekt der Gewalt in der Transformation nach dem Ersten Weltkrieg referieren.


Vortrag von Sebastian Paul: Aufbruch zu Demokratie und Nationalstaatlichkeit durch Gewalt? Diskursive Legitimationsstrategien von Gewalt im Teschener Schlesien und der Orava 1918-1920

Als nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in vielen Regionen Zentraleuropas die schlechte Lebensmittelversorgung mit noch nicht demobilisierten, also nach wie vor bewaffneten Kriegsheimkehrern zusammentraf, sorgte dies für eine explosive Gemengelage. Dies gilt umso mehr für Peripherien, in denen nach dem Waffenstillstand die staatlichen Institutionen erodierten und sich damit ein Machtvakuum offenbarte, in das „Grüne Kader“ ebenso vordrangen wie reguläre Truppen der neuen Nationalstaaten. Im Vortrag soll argumentiert werden, dass im Teschener Schlesien und der Orava, also zwei 1918 bis 1920 territorial umstrittenen Regionen im polnisch-tschechoslowakischen Grenzgebiet, sich drei Typen von Gewaltlegitimationsstrategien ausmachen lassen.

1) Der Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung nationalstaatlicher Territorialforderungen galt dann als probates Mittel, wenn diese Ansprüche von den Siegermächten sanktioniert wurden. Hierfür beriefen sich die Akteure auf „die Nation“ als Souverän, der hinter diesen Forderungen stehen würde.

2) Zum anderen wurden selbst Plünderungen und physische Gewalt von irregulären oder regulären Truppen, aber auch von Zivilisten selbst legitimiert, indem sie als Ausdruck des „Volkswillens“ verklärt wurden.

3) Umgekehrt konnte die tatsächliche oder vermeintliche Gewalt der gegnerischen Partei zur Legitimierung der eigenen politischen Ziele instrumentalisiert werden, wogegen nur ein starker Nationalstaat nach einer bestimmten Grenzziehung Schutz bieten würde.

Diesen drei Legitimationsstrategien ist gemein, dass mit ihnen der Versuch unternommen wurde, Gewaltanwendungen in Einklang mit demokratischen Prinzipien zu bringen: der gerechten Verwirklichung des Volkswillens im Rahmen eines Nationalstaats. Der Vortrag soll vergleichend zeigen, dass hinter diesen mitunter äußerst winkelzügigen Argumentationsmustern letztlich geostrategische Gründe standen sowie die Ausnutzung der Abwesenheit staatlicher Sicherheitsorgane durch lokale Bauern und Kriegsheimkehrer, die Gunst der Stunde für persönliche Bereicherungen nutzen.


Vortrag von Matthäus Wehowski: Abwesenheit und Import von Gewalt als (de)stabilisierender Faktor in Oberschlesien 1918-1921

In der Historiographie nehmen die drei Aufstände in Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg einen prominenten Platz ein, auch wenn das Konfliktnarrativ durch Studien zu den deutsch-polnisch-schlesischen Beziehungen bereits fundiert hinterfragt wurde. Dennoch verleiten die von Gewaltexzessen überfrachteten Quellen der zeitgenössischen Lokalpresse sowie deren dankbare Verwertung durch die deutschen und polnischen Behörden als Ressource für die Legitimierung der eigenen territorialen Ziele nach wie vor zu einer Überbetonung von Gewalt.

Der Vortrag soll stattdessen die Abwesenheit von Gewalt in der entscheidenden, unmittelbaren Zeit nach dem Waffenstillstand thematisieren, als während der Rätebewegung ab November 1918 die lokalen Akteure der meisten politischen Lager auf Kompromiss statt Konflikt und vor allem auf Gewaltverzicht setzten. Dieser Konsens wurde dann im Laufe des Jahres 1919 durch externe Akteure aufgekündigt, was das bis heute prägende Narrativ der gewaltsamen Umbruchszeit Oberschlesiens prägte. Daher soll die Abwesenheit und der Import von Gewalt als Faktor der politischen Prozesse in Oberschlesien als (de)stabilisierender Faktor analysiert und hiermit lokale Handlungsmuster und externe Einflussnahmen problematisiert werden.

Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermittel auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

Download PDF-Information

Teschener Bürgerwehr 1920

© Dr. Ferdinand Pelc, Slezská Matice