Hannah-Arendt-Forum 2025: „Es kommt darauf an, ganz gegenwärtig zu sein.“
04.12.2025
Eine wenig bekannte Hannah Arendt stellte der Philosoph Thomas Meyer zu Beginn seines Vortrages am 4. Dezember vor ausverkauftem Saal in Aussicht, und zeigte im folgenden gänzlich neue Ergebnisse seiner Recherche. Anlass war der 50. Todestag Hannah Arendts , dem das HAIT das diesjährige Hannah-Arendt-Forum widmete. Als Referent konnte der international renommierte Wissenschaftler und Autor unter anderem der bei Piper verlegten Biografie Arendts gewonnen werden. Eingeleitet und anschließend diskutiert wurde der Vortrag von Prof. Dr. Jörg Ganzenmüller, der sich damit zugleich der Dresdner Öffentlichkeit als neuen Direktor des HAIT vorstellte.
Meyer beleuchtete in seinem Vortrag „Es kommt darauf an, ganz gegenwärtig zu sein“ die Verbindung der Biografie Hannah Arendts und ihrem späteren Werk.
Er arbeitete dabei ebenso anschaulich wie anspruchsvoll heraus, wie prägend in Arendts Denken die Herkunft aus einem bildungsbürgerlichen, säkularen jüdischen Haushalt in Königsberg mit der Erfahrung der Flucht und Fluchthilfe im ersten Exil in Frankreich waren. Die junge Arendt verließ Deutschland bereits im Oktober 1933, denn „sie wollte nie Bürger zweiter Klasse sein“ (Meyer). Während ihre bis dahin erfolgreiche wissenschaftliche Tätigkeit unterbrochen war, setzte Arendt ihre schon zuvor begonnene praktische, politische Arbeit im Pariser Exil fort. Wie bedeutungsvoll dies für das Selbstverständnis Arendts war, illustrierte Meyer mit teilweise erstmals öffentlich gezeigten Briefen. Sie war Teil eines Netzwerks jüdischer Frauen und engagierte sich für die Kinder- und Jugend-Alija, eine Organisation, die jüdischen Jugendlichen zur Flucht verhalf und auf das Leben im Kibbuz in Palästina vorbereitete. War dies bereits bekannt, gelang es Meyer erstmals, von ihr als Hannah Stern unterzeichnete Briefe, zu den Kindertransporten nach Schweden zuzuordnen. Aus diesen Briefen zeigt sich, wie Arendt ihr Beziehungsnetzwerk und ihr Organisationstalent eingesetzt hat, um konkrete Abhilfe zu schaffen. Mit der deutschen Besetzung Frankreichs verschärfte sich Arendts Situation. Es gehört zu den Wendungen der Geschichte, dass sie zu den wenigen gehört, die aus einer vorübergehenden Internierung durch das frühe Vichy-Regime flüchten konnte und es ihr mit der Hilfe unter anderem von Nahum Goldmann zudem gelang, von Lissabon aus in die USA zu emigrieren. Wiederum zeigte Meyer eindrückliche Belege dieser biografischen Wendungen.
Schlüssig legte Meyer auf dieser Grundlage dar, wie er die „Gegenwärtigkeit“ Arendts versteht. Sie habe sich der radikalen Dynamiken ihrer Zeit angenommen und darauf reagiert. Entsprechend ihrer biografischen Erfahrungen betrachtete sie „die Möglichkeit des Handelns als Ausdruck menschlicher Freiheit“. Es sei ihr – so Meyer - um jenes Handeln gegangen, „das aus der Pluralität des Menschseins erwächst, aus gegenseitiger Verantwortung.“ Ihre positive Philosophie der Pluralität, Freiheit und des Handelns entwarf Hannah Arendt, um dem Totalitarismus etwas entgegenzusetzen. Aus der Erfahrung, dass die NS-Verbrechen möglich waren, schlussfolgerte sie, entsprechendes könne – unter anderen Vorzeichen -erneut geschehen. In ihrem weltbekannten Buch „The Origins of Totalitarianism“, erstmals erschienen 1951, erfolgte eine genuine Untersuchung der Bedingungen und Funktionsweisen totalitärer politischer Systeme. Damit habe sie den „ersten Stein in den See des Schweigens geworfen“, so Meyer.
Am Ende seines lebendigen und kunstvollen Vortrags merkte Meyer an, er habe an diesem Abend „eine Hannah Arendt vorgestellt, die die Voraussetzung für die Hannah Arendt ist, die Sie heute aus Film, Funk und Fernsehen kennen.“ Mit seiner Biografie habe er Forschungsarbeit zu Arendt geleistet, wo zuvor eine Leerstelle bestand, resümierte Jörg Ganzenmüller.
Ganzenmüller eröffnete die anschließende lebhafte Diskussion mit der Frage, ob Arendts Werk auf heutige Entwicklungen anwendbar sei. Thomas Meyer entgegnete, dass es ihm „Bauchschmerzen“ bereite, wie Arendt aktuell für verschiedenste Anliegen „passbar“ gemacht würde, weil ihr Name ein Garant für Aufmerksamkeit sei. Er plädierte dafür, Arendt aus ihrer Zeit heraus zu verstehen. Zeitlos sei allerdings ihr Ansatz, menschliche Eigenverantwortung als Verantwortung für die Gesellschaft zu betrachten. So sei Arendts Werk eine Anregung, sich selbst zu fragen: „Tue ich genug?“

Prof. Dr. Thomas Meyer ist Professor für Philosophie an der LMU München und Herausgeber einer 12-bändigen Ausgabe der Schriften von Hannah Arendt. 2023 hat er eine viel beachtete Biografie zu Hannah Arendt veröffentlicht, die derzeit in zwanzig Sprachen übersetzt wird. Moderiert wurde der Abend von Prof. Dr. Jörg Ganzenmüller, der im Dezember dieses Jahres die Leitung des HAIT übernahm.
Das Hannah-Arendt-Forum ist die jährliche öffentliche Veranstaltung des HAIT und wurde erneut in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden durchgeführt. Der Vortrag wurde aufgezeichnet und wird über Youtube veröffentlicht.
Literatur
Thomas Meyer, Hannah Arendt. Die Biografie, München 2023.
