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Zeitschrift Jahrgang 2, Heft 2005, 1

Weltanschauungsdiktaturen im Vergleich / Weltanschauung Dictatorships in Comparison

Einführung Editorial


Aufsätze / Articles

Schmiechen-Ackermann, Detlev:
Möglichkeiten und Grenzen des Diktaturenvergleichs (S. 15–38)

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Der Beitrag erörtert methodische Probleme des Diktaturenvergleichs und entwickelt eine Typologie von Vergleichsformen. Unterschieden wird insbesondere zwischen zwei Dimensionen: Zum einen können Vergleiche auf das politische System in seiner Ganzheit (integraler Vergleich) oder auf die Gegenüberstellung wichtiger Teilbereiche (sektoraler Vergleich) zielen. Zum anderen folgen sie entweder einer "verstehenden", empirisch-analytischen oder einer "urteilenden", "normativ-kontrastierenden" Intention. Stets geht es aber nicht um Gleichsetzung, sondern um das Herausarbeiten charakteristischer Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

This article discusses methodological problems of the comparison of dictatorships, and develops a typology of comparative patterns. The distinction is drawn between two dimensions in particular: on the one hand, comparisons can aim at the political system as a whole (integral comparison) or at the confrontation of important aspects (sectoral comparison). On the other hand, they either follow a “understanding” empiricalanalytical or an “judging” or “normativecontrasting” intention. However, it is not about establishing parity, but about the working out of characteristic differences and commonalities.


Jesse, Eckhard:
Das Dritte Reich und die DDR – zwei „deutsche“ Diktaturen (S. 39–59)

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Wenn das Dritte Reich mit der DDR verglichen wird, geschieht dies meist unter dem Gesichtspunkt des diktatorischen Charakters: der Ablehnung von Gewaltenteilung und Pluralismus, der Bejahung vom Massenmobilisierung und Ideologisierung. Dieser Gesichtspunkt ist dem an der TU in Chemnitz lehrenden Politikwissenschaftler Eckhard Jesse zwar nicht fremd, aber er wählt einen anderen Zugang. Der Beitrag stellt zunächst Überlegungen zu den verschiedenen Formen eines Diktaturvergleichs an. Danach widmet er sich der spezifischen Frage, ob die beiden Diktaturen in Deutschland "deutsche" Diktaturen - vor allem mit Blick auf deren Entstehung und Ende. Während der Nationalsozialismus genuin deutschen Ursprungs gewesen ist, trifft das auf die DDR als "abgeleitete", von der Sowjetunion beherrschte Diktatur nicht zu. Gleichwohl sind gewisse Spezifizierungen an diesem Bild angebracht. Der Beitrag erörtert, welche Konsequenzen sich aus den Befunden ergeben. Ferner geht es Jesse darum, weitere sinnvolle Fragen für einen Vergleich der beiden Diktaturen aufzuwerfen (nach dem Grad des Totalitarismus, dem Grad an Religionsähnlichkeit, dem Verhältnis von Normen- und Maßnahmenstaat, der Unterscheidung zwischen zwei Phasen in der Herrschaftspraxis, dem Sozialismusverständnis, der Zwangsläufigkeit der Diktaturen und ihres Endes, der Bedeutung der Feindbilder).

After some considerations on the possibilities and limitations of comparing dictatorships, this contribution attempts to answer the question of whether the dictatorships in Germany were “German dictatorships” – particularly in regard to their emergence and demise. Whereas National Socialism was of genuine German origin, this does not apply to the GDR as a “derived” dictatorship, dependent on the Soviet Union. Nevertheless, certain aspects of this picture have to be specified. Moreover, this contribution raises further useful questions for comparing of the German dictatorships, i. e. the degree of totalitarianism, the different phases in the expansion of power, the degree of understanding socialism, the unavoidability of dictatorships and their eventual decline, as well as the significance of concepts of the enemy (Feindbilder).


Merlio, Gilbert:
Widerstand, Opposition und Resistenz im Nationalsozialismus und in der DDR – Überlegungen zur Begrifflichkeit in vergleichender Absicht (S. 61–70)

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Der Beitrag nimmt die oft verwirrende Vielfalt der Etiketten, die unangepasstem bis widerständigem politischen Verhalten in beiden Regimes aufgeklebt werden, zum Anlass für grundsätzliche Reflexionen. In Anlehnung an Ian Kershaw plädiert er für eine Dreiteilung in der Form konzentrischer Kreise. Im äußersten Kreis siedelt er alle Phänomene der mehr oder weniger passiven oder reaktiven Verweigerung bzw. Resistenz an. Im mittleren Kreis befindet sich eine Opposition, die "das Regime aufgrund eines ideologisch-politischen Dissenses teilweise, in der Hoffnung auf seine Reform, ablehnt". Im Zentrum stehen politische Verhaltensweisen, die aktiv und politisch bewusst auf den Sturz des Regimes zielen.

This article takes the often bewildering variety of labels, which in both regimes got pinned onto nonconformist and disobedient political behavior, as an occasion for fundamental reflection. Following Ian Kershaw, the author speaks up for a distinction in the form of three concentric circles. In the outermost circle he places all phenomena of a more or less passive or reactive refusal or resistance. The middle circle holds an opposition, that “partially rejects the regime because of an ideological-political disagreement and partly hopes to reform it within.” Political behavior that aims actively and consciously at the overthrow of the regime, fill the inner circle.


Schmeitzner, Mike:
Totale Herrschaft durch Kader? – Parteischulung und Kaderpolitik von NSDAP und KPD/SED (S. 71–99)

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Im Oktober 1944 erklärte der KPD-Vorsitzende Wilhelm Pieck im Moskauer Exil, die kommunistische Partei müsse nach ihrer Wiedergründung im besetzten Deutschland "ähnliche Einrichtungen" etablieren, wie sie die "Nazipartei auf ihren Ordensburgen für reaktionäre Zwecke geschaffen hat". Versuchte sich die KPD tatsächlich an der Parteischulung und Kaderpolitik der NSDAP zu orientieren oder verfolgte sie nicht doch eigene originäre Wege der Herrschaftssicherung? Der Beitrag analysiert und vergleicht vor dem Hintergrund von Piecks Auslassungen beide Kaderschulungssysteme und deren unterschiedliche gesellschaftliche Reichweite.

In October 1944, Wilhelm Pieck, chairman of the^Communist Party of Germany (KPD), declared while in exile in Moscow, the Communist Party should establish “similar facilities” to the Nazis in occupied Germany just as the “Nazi party had created it’s Ordensburg for reactionary purposes.” Did the KPD indeed attempt to orient itself according to the party cadre training and cadre policy of the NSDAP, or did it instead pursue it’s own and original paths to securing power? Against the background of Pieck’s statements, the article analyzes and compares both party cadre training systems and their social ranges.


Fritze, Lothar:
Kommunistische und nationalsozialistische Weltanschauung - Strukturelle Parallelen und inhaltliche Unterschiede (S. 101–152)

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Trotz ihrer inhaltlichen Unterschiede waren die kommunistische wie die nationalsozialistische Weltanschauung als Herrschaftsideologien totalitärer Diktaturen tauglich. Sie erwiesen sich insbesondere als geeignet, ein opferträchtiges politisches Handeln (scheinbar) zu legitimieren. Ohne die Falschheit und Fragwürdigkeit der Ideensysteme nachzuweisen, wird das Rechtfertigungspotential aufgezeigt, das ihnen innewohnt. Es zeigt sich, dass beide Ideensysteme hinsichtlich ihres Aufbaus und ihrer Konstruktionselemente sowie hinsichtlich maßgebender Denkfiguren erhebliche Ähnlichkeiten aufweisen.

Despite their differences in content, the Communist and National Socialist Weltanschauungen were suitable for serving as the ruling ideologies for totalitarian dictatorships. They proved to be especially appropriate for legitimating a political behavior, which claimed many victims. Without showing the falsehood and dubious nature of these systems of ideas, their inherent potential for justification is highlighted. It shows, that both systems of ideas hold considerable similarities concerning their structure and elements, as well as in their basic concepts.


Orlov, Boris:
Erfahrungen mit dem totalitären Regime in der ehemaligen Sowjetunion (S. 153–178)

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Der Autor verknüpft die autobiographischen Erfahrungen eines Menschen, der in einem totalitären System geformt wurde (Oktoberkind im Kindergarten, Pionier in der Schule, Komsomolze an der Hochschule, Parteimitglied im Arbeitsleben, Teil des Propagandaapparats) mit wissenschaftlichen Betrachtungen. Er zeichnet den eigenen intellektuellen Loslösungsprozess und den anderer sowjetischer Intellektueller nach, skizziert die politische Entwicklung der Sowjetunion von der Oktoberrevolution bis zu ihrem Untergang und erörtert abschließend die Frage nach den Besonderheiten des sowjetischen Totalitarismus.

The author combines the autobiographic experiences of a man, molded by the totalitarian system (October Child in kindergarden, a Pioneer at school, Komsomolze in college, party member as a professional, member of the propaganda department) with academic contemplation. He outlines the process of the Soviet intellectuals gradual break from the system, and sketches the political development of the Soviet Union from the October Revolution in 1917 to its demise in 1991. Finally, he discusses the question of specific features of Soviet totalitarianism.


Mackow, Jerzy; Wiest, Margarete:
Dimensionen autoritärer Systeme in Osteuropa (S. 179–200)

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Innerhalb der Trias der Herrschaftsformen - Totalitarismus-Autoritarismus-Demokratie - setzte sich die Politologie bislang am wenigsten mit dem Konzept des Autoritarismus auseinander. Das führte zum einen zu einer unklaren Grenzziehung zu den anderen Herrschaftstypen, woraus sich wiederum Probleme bei der Einordnung der Systeme der "gescheiterten Demokratisierung" ergaben. Zum anderen resultierte die geringe Beschäftigung in allgemein unterentwickelten Kriterienkatalogen zur Definition und Typologisierung autoritärer Regime. Betrachtet man, wie extrem unterschiedlich die gesellschaftlichen Voraussetzungen der Autoritarismen sind, so zeigt sich schnell, dass eine Klassifikation autoritärer Systeme nicht möglich ist. Anhand der verschiedenen Dimensionen des Autoritarismus kann jedoch eine Typologisierung vorgenommen werden. Die relevanten Dimensionen betreffen dabei die soziale (modern - nicht modern), staatliche (schwacher - effizienter Staat), rechtliche (rechtsstaatlich - nicht rechtstaatlich), pluralistische (civil society - andere Varianten des Pluralismus) und institutionelle (Regierungssystem, Wahlsystem usw.) Ebene. Auf der Grundlage dieser Typologie wiederum lassen sich Aussagen über die Entwicklungsoptionen autoritärer Systeme treffen.

Concerning the triad of political systems – totalitarianism- authoritarianism-democracy – political science has, so far, tackled the concept of authoritarianism the least. On the one hand, this has lead to an unclear distinction in comparing other types of power, which has caused problems when it has come to classifying the systems of “failed democratizations”. On the other hand, the limited treatment of this topic has resulted in generally underdeveloped catalogues of criterions for the definition and typologization of authoritarian regimes. Considering the extremely different social requirements of authoritarianisms, it becomes apparent very quickly that a classification of authoritarian systems is impossible. Yet, on the basis of different dimensions of authoritarianism, a typologization can be achieved. The relevant dimensions concern the social (modern – non-modern), state (weak – efficient state), legal (constitutional – non-constitutional), pluralistic (civil society – other variations of pluralism), and institutional (governmental system, electoral system etc.) levels. On the basis of this typology, statements can be made on the options of development of authoritarian systems.


Buchbesprechungen / Book Reviews

Die _verdrängte Revolution: Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte
Bremen (edition Temmen) 2004 / Autor: Eisenfeld, Bernd; Kowalczuk, Ilko-Sascha; Neubert, Ehrhart
Rezension: Rainer Eckert (S. 201–202)

Die _Geburt al-Qaidas aus dem Geist der Moderne
München (Verlag Antje Kunstmann) 2004 / Autor: Gray, John
Rezension: Marc-Pierre Möll (S. 203–205)

Die _Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen 1949–1989
Münster (Agenda Verlag) 2002 / Autor: Pekelder, Jacco
Rezension: Hans Jörg Schmidt (S. 205–208)

Der _neue Totalitarismus. „Heiliger Krieg“ und westliche Sicherheit
Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2004 / Autor: Tibi, Bassam
Rezension: Udo Steinbach (S. 208–211)

Tyrannie et tyrannicide de l’Antiquité à nos jours
Paris (Presses Universitaires de France) 2001 / Autor: Turchetti, Mario
Rezension: Uwe Backes (S. 211–213)

Der _deutsche Widerstand gegen Hitler. Wahrnehmung und Wertung in Europa
Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2002 / Autor: Ueberschär, Gerd R. / (Hg.)
Rezension: Manfred Zeidler (S. 214–216)

Die _Deutschen im 20. Jahrhundert
Darmstadt (Primus Verlag) 2004 / Autor: Wolfrum Edgar / (Hg.)
Rezension: Gerhard Barkleit (S. 216–220)

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