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Zeitschrift Jahrgang 1, Heft 2004, 2

Totalitarismus - Konzepte, Denkformen, Herrschaftspraktiken / Totalitarianism - Concepts, Forms of Thought, Practices of Power

EditorialEinführung


Aufsätze / Articles

Gebhardt, Jürgen:
Was heißt totalitär? (S. 165–182)

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Der Neologismus "Totalitarismus" entstand aus den politischen und intellektuellen Diskursen, welche die fundamentale historische Krise der dreißiger Jahre reflektierten. Diese wurde durch den Aufstieg neuer Herrschaftstypen auf dem europäischen Kontinent hervorgebracht. Als vielgestaltiges Konzept bedeutet "Totalitarismus" zuerst den ontologischen Unterschied zwischen westlicher liberaler Demokratie und den neuen Regimes des Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus. Die Totalitarismusforschung differiert in Fragen des theoretischen Fokus, des empirischen Zugangs und des methodologischen Forschungsdesigns, sowie nicht zuletzt aufgrund des Auf und Ab in der Politik. Die fortdauernde kontroverse Debatte über die saubere Konzeptualisierung des totalitären Phänomens legt eine theoretische Analyse des totalitären Geists und seiner Schlüsselsymbole nahe, die an der Wurzel des totalitären Projekts liegen und in den politischen Formen des Totalitarismus in Erscheinung traten.

The neologism “Totalitarianism” emerged from the political and intellectual discourses that reflected the fundamental historical crises of the nineteen-thirties, brought about by the rise of novel types of political order on the European continent. As an elaborated concept, “Totalitarianism” denoted foremost the ontological difference between Western liberal democracy and the new regimes of communism, fascism and national socialism. Research on totalitarianism varied in terms of theoretical focus, empirical approach, methodological research design, and not least of all due to the vicissitudes of political trends. The ongoing controversial debate about the proper conceptualisation of the totalitarian syndrome suggests a theoretical analysis of the totalitarian mind and its key symbols that lay at the root of the totalitarian project and, later, came to the fore in various political forms.


Merkel, Wolfgang:
Totalitäre Regimes (S. 183–202)

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Die Entwicklung des Begriffs und des analytischen Konzepts des Totalitarismus hat seit den 20er Jahren mehrere Stufen durchlaufen. Auch in seiner am stärksten ausdifferenzierten Form, in der Fassung von Friedrich und Brzezinski, weist das Konzept erhebliche systematische Klassifikationsprobleme und analytische Schwächen auf. Der Beitrag macht den Versuch, den Typus des totalitären Regimes innerhalb einer allgemeinen Typologie politischer Regime anzuwenden. Dabei wird besondere Aufmerksamkeit dem Problem gewidmet, autokratische von demokratischen Herrschaftsordnungen abzugrenzen, sowie innerhalb des Grundtypus der Autokratie, die systematische Differenz von autoritären und totalitären Regimes herauszuarbeiten. Trotz einer systematisierten Typologie lassen sich nicht alle Grauzonen zwischen den Grundtypen ausleuchten. Komplementär sollte deshalb zu einer Typologie auch ein Kontinuum herangezogen werden, auf dem sich real existierende Regimes zwischen den polaren Typen der "idealen Demokratie" und des "perfekten Totalitarismus" plazieren lassen. Am Ende des 20. Jahrhunderts erscheint der Herrschaftstypus des Totalitarismus als ein "Auslaufmodell". Kommunismus und Faschismus haben als totalitäre Herrschaftsideologien ausgedient. Fundamentalistisch-theokratische Herrschaftsbegründungen konnten trotz eigenem Anspruch diesen Platz (noch) nicht einnehmen. Das einzig wirklich totalitäre Regime zu Beginn des 21.Jahrhundert ist Nordkorea. Es ist nicht mehr "modern", sondern archaisch, anachronistisch und moribund.

The development of the term and the analytical concept of totalitarianism have gone through several stages since the 1920s. However, even in its most sophisticated form, the version seen in Friedrich/Brzezinski, the concept exhibits substantial systematic classification problems and analytical weaknesses. This article attempts to frame the type of totalitarian regime within a general typology of political regimes. Special attention is dedicated to the problem of distinguishing autocratic from democratic rule, and of carving out the systematic difference between authoritarian and totalitarian regimes within the basic type of autocracy. Despite a systematic typology, all grey zones between the basic types cannot be clarified. Therefore, the typology should be complemented by a continuum on which regimes as they exist in reality, can be placed between the polar types of “ideal democracy” and “perfect totalitarianism”.


Lübbe, Hermann:
Tugendterror – Höhere Moral als Quelle politischer Gewalt (S. 203–218)

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"Idealisten", fand Heinrich Heine, seien "weder durch Furcht noch durch Eigennutz" zu lenken. Nichts als der gute Wille erfüllt und motiviert sie. Das macht in Verbindung mit kognitiv ungemeinen Wirklichkeitsannahmen, die den Punkt zu benennen wissen, aus dem sich die Welt kurieren lässt, terrorfähig. Der brave Theologiestudent Karl Ludwig Sand wurde darüber 1819 zum Mörder. Einhundert Jahre später ließ mit bedeutenderen politischen Effekten Lenin schreiben: "Uns ist alles erlaubt".

“Idealists”, Heinrich Heine decided, could neither be directed “by dread nor by selfishness”. Nothing but good intention fills and motivates them. This, in connection with cognitively uncommon assumptions on reality, that can name the source, out of which the world can be cured, prepares the ground for terrorism. It was this that turned the upright theology student Karl Ludwig Sand into a murderer in 1819. One hundred years later, with more momentous political consequences, Lenin wrote: “For us, everything is allowed.”


Klemperer, Klemens von:
Zur Frage eines ästhetischen Faschismus (S. 219–226)

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Dieser Essay ist ein Versuch, von einer neuen Perspektive aus Licht auf den deutschen Faschismus zu werfen, namentlich durch die Untersuchung seines Vokabulars der Kulturkritik. Ich konzentriere mich auf die Sprache von Martin Heidegger und Ernst Jünger und behaupte, dass diese eine Kritik an philosophischer und religiöser Transzendenz darstellt. Diese war weder logisch noch primär kommunikativ, sondern willkürlich und vielgestaltig kodiert. Indem sie parteipolitische Identifikation und Orthodoxie vermied, entstand ein Ausdruck dessen, was in bezug auf Heidegger als "Privat-Nationalsozialismus" bezeichnet wurde. Daher das Konzept des "ästhetischen Faschismus".

This essay is an attempt to throw light on German fascism from a new perspective, namely by examinating its vocabulary of cultural criticism. I focus on the language of Martin Heidegger and Ernst Jünger to suggest that it represents a critique of philosophical and religious transcendence. Being neither logical nor primarily communicative, it was arbitrary and elaborately coded, and while thus evading party political identification and orthodoxy, it added up to an expression of what has been called, in reference to Heidegger, a “Privat-Nationalsozialismus”. That is why the concept of “Aesthetic Fascism”.


Fritze, Lothar:
Was heißt und zu welchem Ende betreibt man Totalitarismusforschung? (S. 227–264)

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Nach Reflexionen über Forschungsauftrag und Forschungsgegenstand des HAIT werden forschungsstrategische und methodologische Überlegungen zur Totalitarismusforschung vorgelegt. In seinem, zunächst für die institutsinterne Diskussion verfassten Papier spricht sich der Autor für eine Totalitarismusforschung aus, die an praktisch-politischen Fragestellungen orientiert ist. In diesem Zusammenhang plädiert er für eine Totalitarismusvermeidungsforschung, die insbesondere auch totalitäre Gefährdungen des demokratischen Verfassungsstaates reflektiert. Es zeigt sich, dass das dargelegte Verständnis von Totalitarismusforschung Interdisziplinarität erfordert.

In his article, originally intended for internal discussion, the author speaks out in favor of research on totalitarianism, which is orientated toward practical political questions. He pleads for research on how to avoid totalitarianism, which involves reflections on totalitarian dangers to the democratic constitutional state. The expounded understanding of research on totalitarianism requires interdisciplinary exchange to attain its maximum potential.


Buchbesprechungen / Book Reviews

Das _letzte Jahr der DDR. Zwischen Revolution und Selbstaufgabe
Berlin (Karl Dietz Verlag) 2004 / Autor: Bollinger, Stefan /Hg.
Rezension: Michael Richter (S. 267–270)

Dictatorship, State Planning, and Social Theory in the German Democratic Republic
Cambridge (Cambridge University Press) 2003 / Autor: Caldwell, Peter C.
Rezension: Edward Hamelrath (S. 270–274)

Das _Dritte Reich, Band 1: Aufstieg
München (Deutsche Verlagsanstalt) 2004 / Autor: Evans, Richard J.
Rezension: Manfred Zeidler (S. 274–1277)

Freedom in the World 2003. The Annual Survey of Political Rights and Civil Liberties
Lanham/Oxford (Rowman & Littlefield Publishers) 2003 / Autor: Freedom House /Hg.
Rezension: Uwe Backes (S. 277–280)

Rassen-, Klassen-, Massenmord. Anatomie des Totalitarismus
München (Olzog Verlag) 2003 / Autor: Hutter, Clemens M.
Rezension: Eckhard Jesse (S. 280–282)

Flammender Hass. Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert
München (Beck Verlag) 2004 / Autor: Naimark, Norman M.
Rezension: Rainer Eckert (S. 283–284)

Anti -Totalitarismus. Eine polnische Debatte
Franklfurt a.M. (Suhrkamp Verlag) 2003 / Autor: Spiewak, Pawel
Rezension: Katarzyna Stoklosa (S. 285–288)

Die _verhinderte Weltmacht. Reflexionen eines Europäers
München (Goldmann Verlag) 2003 / Autor: Todorov, Tzvetan
Rezension: Lothar Fritze (S. 288–290)

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